Alternativ Wohnen

Adieu Doppelhaushälfte, hallo Jurte

Alternativ Wohnen

General Economy Of Mongolia
(Foto Bloomberg)

Vor allem mongolische Vieh-Hirten benutzen die Jurten als Behausung. Hier wird das Grundgerüst des rundlichen Zelts zusammengebaut.

Nadja und David haben sich gegen den deutschen Traum von einer Doppelhaushälfte mit Garten, Flachbildfernseher, Sofalandschaft und Einbauküche entschieden. Sie wohnen in einer Jurte. Ihr Kind wurde auch dort geboren. Doch das Leben in der runden Behausung hat auch Ecken und Kanten.

Titus Arnu, Jahrgang 1966, arbeitet seit 2006 für die Redaktion Panorama. Zuvor war er beim Magazin SZ Wissen, schrieb für das SZ-Magazin, Spiegel, Geo, National Geographic und Mare. Er besuchte die Deutsche Journalistenschule und studierte Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Journalistik in München. Bislang bizarrster Job: Europa-Korrespondent einer japanischen Hundezeitschrift.

Warmer Wind streicht über das hohe Gras, es riecht nach Heu, das in der Sonne trocknet. In den Kirschbäumen rascheln die Blätter, Stare und Krähen fressen sich an den fast reifen Früchten satt. Dazu produzieren die Grillen ihr rhythmisches Krrrrk-Krrrrk. Alle Geräusche, die man hört auf der Obstwiese bei Überlingen am Bodensee, ergeben zusammen einen sommerlichen Soundteppich.Drinnen in der Jurte köchelt ein Topf Rote Bete vor sich hin, es duftet nach Kokosfett, Sesam und angebratenen Brennnesseln. Nadja Schotthöfer inspiziert ihre Hände, sie sind dunkelrot vom Schälen der Roten Bete. „So eine schöne Farbe!“, sagt sie, „ich hab‘ gar keine Lust, die Hände zu waschen.“

Gleichzeitig drinnen und draußen

David Schuster, der eine kurze Lederhose und eine Wolljacke trägt, hockt im Schneidersitz neben ihr und genießt die friedliche Stimmung. Auf dem großen Bett liegt die kleine Frida und schnauft leise vor sich hin. Die eineinhalb Jahre alte Tochter der beiden ist während der Vorbereitungen fürs Mittagessen eingeschlafen.

Die Drinnengeräusche vermischen sich mit den Draußengeräuschen, die Essensgerüche mit dem Heuduft. In der Jurte ist man immer gleichzeitig drinnen und draußen. Zwischen dem Wohnbereich und der Natur sind nur zwei Schichten Filz aus Schaf-, Pferde- und Yak-Haaren. Die Stoffschichten atmen, tagsüber halten sie Hitze ab, nachts bleibt es im Innenraum angenehm warm.

„Yurt“ bedeutet „Heim“

Der Boden ist aus hellen Holzbrettern, darunter ist die Wiese. „Wir leben mit der Natur, in der Natur“, sagt David Schuster, der seit zweieinhalb Jahren mit seiner Freundin Nadja in der Jurte wohnt, „ich kann mir absolut nicht mehr vorstellen, eine Wohnung zu haben und schon gar nicht, jeden Tag ins Büro gehen zu müssen – das wäre der Horror“.Jurte – das kommt vom türkischen Wort „yurt“ und bedeutet „Heim“. Die traditionelle Behausung der mongolischen Nomaden ist eine Kreuzung aus Haus und Zelt, die Wände bestehen aus einem klappbaren Holzgerüst und Stoffplanen. Die Jurte kann innerhalb weniger Stunden abgebaut und so klein zusammengefaltet werden, dass alles auf zwei Kamele oder auf die Ladefläche eines Geländewagens passt.Für mongolische Viehhirten, die mit ihren Herden über die Steppe ziehen, mag diese Lebensweise sinnvoll erscheinen – aber warum entschließen sich zwei junge Deutsche gegen den hierzulande handelsüblichen Traum von einer Doppelhaushälfte mit Garten, Flachbildfernseher, Sofalandschaft, Kombi und Einbauküche?